Saturday, February 11, 2012

„Man sollte die Effekte gar nicht sehen.“

November 23, 2009 by Sonia Laszlo  
Filed under CULTURE, FILM

German World Magazine bat den in Bremerhaven geborenen Oscargewinner Volker Engel, der mit Marc Weigert und deren Firma „Uncharted Territory“ die Spezialeffekte des neuen Roland Emmerich Films 2012 gemeistert hat, am Tag nach der Premiere, die in einem futuristischen Glaspalastkino in Downtown Los Angeles stattfand, zum Interview.

Volker Engel am Set

Volker Engel am Set

GW: Was erwartet den Kinobesucher?
VE: Für mich ist es ein faszinierender Grundgedanke, wie die großen Regierungen der Welt handeln, wenn sie schon Jahre im Voraus wissen, dass es eine große Katastrophe geben wird. Versuchen sie möglichst viele Menschen zu retten? Wieviele Menschen können überhaupt gerettet werden? Wie werden die Menschen ausgesucht? Wer sollte gerettet werden? Was sollte gerettet werden? Sind die großen Kunstschätze unserer Zivilisation und technische Errungenschaften, sowie die Weltliteratur wichtiger als die Weltbevölkerung? Wer hat wirklich die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt und den Mut dazu, auch die harten Entscheidungen, wenn man nicht alle Menschen retten kann, zu treffen?
Vor diesen Grundgedanken spielen sich die Spezialeffekte ab durch die unser Held, gespielt von John Cusak, mit seiner aus Exfrau, neuem Freund und zwei Kindern zusammengestoppelten Familie in eine mögliche Sicherheit reist.

GW: Warum hat sich das Thema angeboten?
VE: Im Film angerissen, aber nicht die Basis der Geschichte, ist der Kalender der Maya der 2012 endet. Durch die Sonne erhitzt sich der Kern der Erde, die tektonischen Platten bewegen sich daher schneller als wir es gewöhnt sind auf dem heißeren Magma. Ein wenig basiert die Geschichte auch auf einem Sachbuch. Generell sollte man den Film als Unterhaltung sehen und sich die Frage stellen wie Menschen in Extremsituationen handeln. Und wie solche Situationen das Gute und das Schlechte aus einem Menschen herausholen.

GW: Was ist wichtiger, die Effekte oder das Drehbuch?
VE: Ich liebe Spezialeffekte, aber wenn der Film keine bannende Handlung und gute Schauspieler hat, die einen mitreißen, dann schert man sich um die Effekte auch nicht. Man sollte die Effekte gar nicht wahrnehmen. Solange die Geschichte stimmt, sind viele dramatische Momente austauschbar. Dann kommt es gar nicht darauf an, ob es ich um eine Verfolgungsjagd von Rauschiffen im Weltraum oder von Schnellbooten in Florida geht. Bei “2012″ war die Herausforderung alles Fotorealistisch zu machen. Es ist schwieriger, wenn das Publikum einen Ort gut kennt, jeder weiß wie ein Gartenzaun und Gras aussieht, aber die wenigsten waren z.B. im Weltraum.

GW: Was muss man mitbringen, um im Spezialeffekte Team dabei zu sein?
VE: Teamwork ist das Wichtigste! Oft wird Computerarbeit mit Eigenbrötlerei assoziiert. Das gibt es bei uns nicht, das Team steht über allem. Die emotionale Intelligenz und Teamfähigkeit übertrumpfen daher bei der Teamauswahl auch die technischen Fähigkeiten.
Wir arbeiten oft vierzehn Stunden pro Tag gemeinsam, und da muss persönlich alles passen.  Es gibt zwei Hauptbereiche, die 3D Computer Animation, die wiederum aus einigen Unterbereichen besteht und das Compositing, also das Zusammenfügen aller Teile. Alle müssen an einem Strang ziehen, vor allem unter Zeitdruck und wenn es belastend wird.

Volker Engel, Roland Emmerich und Harald Kloser

Volker Engel, Roland Emmerich und Harald Kloser

GW: Mit Deutschen und Österreichern, in Schlüsselpositionen, wie ist die Arbeitssprache im Team?
VE: Bunt gemischt. Bei unserem Projekt, das in den Berliner Babelsberg Studios ab März 2010 gedreht wird, heuern wir lokale Künstler an. Dabei wird es sicher wichtig sein abgesehen von Deutsch auch Englisch zu beherrschen.

GW: Warum wird nach Hollywood nun in Deutschland gedreht?
VE: Für das England des 16. Jahrhunderts bietet sich natürlich Europa an. Zusätzlich unterstützt Deutschland durch Steuerbegünstigungen und Filmförderungen. Marc Weigert und ich sind mit unserer Firma auf den Aufbau und die Organisation einer Spezialeffekte Produktion vor Ort spezialisiert. Die Hardware und die physischen Komponenten sind dabei die geringsten Kosten und so können wir uns leicht in Berlin einnisten.

GW: Bei so rasanter technischer Erneuerung, wie bleibt man bei der eigenen Arbeit am Computer am Puls der Zeit?
VE: Ich gebe immer gerne offen zu, dass ich selbst nicht am Computer arbeite. Ich leite ein Team von Spezialisten. Die Technik entwickelt sich so schnell, dass man gar nicht in allen Bereichen der Beste sein kann. Man muss dauernd damit arbeiten um in einem Bereich dran zu bleiben. Meine Aufgabe ist die Vision und das Team dahingehend aus den besten Computerkünstlern, den Artists, zusammenzustellen. Man könnte auch sagen ich bin das ‘Auge’ für die Spezialeffekte.

GW: Ist die Arbeit im Vergleich zu „Independence Day“ schwieriger geworden?
VE: Damals vor dreizehn Jahren hätten wir diese Art von Spezialeffekten rein technisch gar nicht machen können. Andererseits war vieles damals einfacher, denn Ufos und Außerirdische sind natürlich irrealer und damit einfacher glaubhaft zu machen, als zum Beispiel ein Supermarkt oder Gegenden wie Yellowstone, die jeder kennt. In 2012 war die Herausforderung die tägliche Wirklichkeit darzustellen. Jeder hat schon einmal gesehen wie zum Beispiel eine Fensterscheibe zersplittert oder etwa eine Palme wackelt. Auch die Detailarbeit von tausenden von Elementen, von Briefkästen über Fusswege zu Bürogebäuden, war eine schwierige Aufgabe. Bei 2012 hatten wir über hundert Künstler, die alleine in unserer Firma „Uncharted Territory“ gearbeitet haben. Wir haben mit vierzehn weiteren Firmen kooperiert, zum Beispiel mit Scanline aus München, die sich auf Wasseranimationen spezialisiert haben.  Wir scherzen immer, dass es bei „Independence Day“ 400 Spezialeffekte Einstellungen gab, soviel wie heute fast jede romantische Komödie hat. Bei 2012 sind es 1300! Es sind 77 der 158 Filmminuten, die mittels Spezialeffekten hergestellt wurden, also etwa die Hälfte des Films.

Volker Engel am Set in Tibet

Volker Engel am Tibet Set in Canada

GW: Nachdem man Los Angeles zum drittem Mal und nun vollständig, dem Untergang geweiht hat, was steht noch auf der Wunschliste?
VE: Das kann ich nicht generell beantworten. Was mich an meinem Beruf fasziniert, ist dass sich nichts wiederholt. Mir geht es immer um die Geschichte. Von ihr geht die Faszination aus. Wenn wir mit Roland Emmerich zusammenarbeiten ist es wie wenn wir ums Lagerfeuer sitzen und Geschichten erzählen. Spannend muss es sein, ob es sich um eine Riesenechse in New York handelt, den Angriff Außerirdischer oder wie für das nächste Projekt Shakespeare im 16. Jahrhundert.

BIO: Im deutschen Bremerhaven geboren, gewann Volker Engel 1997 für Roland Emmerichs „Independence Day“ die höchste Ehre der Filmindustrie, den Oscar. 2006 gewann er den begehrten Emmy Award für eine Fernsehproduction. Mit Marc Weigert betreibt er erfolgreich eine der weltweit führenden Specialeffekte Firmen http://www.uncharted-territory.com

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Comments

2 Responses to “„Man sollte die Effekte gar nicht sehen.“”
  1. …ein tolles interview!

    ich habe jetzt schon viele meinungen kritiken gehört, aber ich muss sagen, wenn der film es dann doch schafft, die menschen anzuregen, darüber nachzudenken, was sein könnte und wer dann auf der safeside ist oder nicht, ist schon einiges getan – die kunst der special effekte ist wahrlich groß und erdrückend…macht einem angst…vielleicht schaffen wir es mit diesen filmen die menschen aufzuwecken und mehr auf sich, seine mitmenschen und die natur zu schauen – sie hat sovieles zu bieten!

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