“Um sich neu zu erfinden kommt man nach Los Angeles”
November 23, 2009 by Sonia Laszlo
Filed under CULTURE, FILM
Für sein Drehbuch “TRIGGER MOM” gewann Kevin Lee Miller, ein US-Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, den “2009 Final Draft Big Break” Wettbewerb. German-World Magazine hat ihn exklusiv über seine beginnende Karriere als Drehbuchautor in Hollywood befragt:

Kevin Miller am roten Teppich
GW: Herzlichen Glückwunsch! Es wurden über 3,000 Drehbücher eingereicht und nur 3 Drehbücher für den Preis ausgewählt. Wie fühlt man sich als Teil der Top 0.1%?
KM: Der Preis war für mich wie in ein Raumschiff einzusteigen und mit Warp-Antrieb in eine andere Galaxie zu fliegen. Gerade war ich noch ein isolierter Autor, der vor seinem Computer mit Menschen, die ich mir ausdachte, sitzt. Und jetzt bin ich auf dieser glamourösen Party bei der Manager und Agenten möchten, dass ich ihnen meine imaginären Freunde vorstelle.
Meine Karriere hat wirklich eine Trendwende erfahren, als ich den Oscar nominierten Drehbuchautor Robert Towne (“Chinatown”, “Days of Thunder”, “Mission Impossible”) traf. Ich bin ein großer Fan seiner Arbeit, und er war dort, um in die “Final Draft Hall of Fame” – “Hall of Fame Ruhmeshalle” aufgenommen zu werden. Als ich die Hand, die die legendären Worte “Forget it, Jake. It’s Chinatown” schrieb, schüttelte, wurde mir bewusst, dass ich auch, wenn er für fünfzig Jahre geniale Arbeit geehrt wurde und ich für nur ein Drehbuch, das ich auf einmal mehr als ein Bewunderer bin. Ich war auf dem Weg, ein Kollege zu werden.
GW: Worum geht es in Deinem Drehbuch?
KM: Auf den ersten Blick geht es um einen Ermittler der Polizei, der erfährt, dass seine liebevolle Mutter ihre geheime Identität als Killer für die Mafia vor ihm geheimhielt. Die Frage ist: “Bist du absolut sicher, dass alles, was Dir Deine Eltern je über sich erzählt haben, absolut wahr ist?”
Das universale darunterliegende Thema ist, wie wir unsere Eltern sehen. Wenn wir jung sind, sind sie wie Götter mit der Macht über Leben und Tod. Ab einem gewissen Zeitpunkt stellen wir fest, dass sie einfach nur Menschen sind. Diese Feststellung ist zugleich enttäuschend, aber auch befreiend. Dies führt uns zum zweiten Thema der Geschichte. Schätze die kleinen Dinge des Lebens. Ja, seine Mutter ist eine Killerin, aber sie ist auch der einzige Mensch, der ihn bedingungslos liebt. Er realisiert, dass sie, es wirklich meint, wenn sie sagt, dass sie für ihn töten würde. Die Botschaft des Films ist es, dass Enttäuschungen niederschmetternd sein können, aber ohne sie würden die glücklichen Momente ihren Glanz verlieren.
GW: Drehbuchautor ist nicht Dein erster Beruf in der Unterhaltungsindustrie?
KM: Ich habe mein ganzes Leben in der Unterhaltungsindustrie gearbeitet. Ich buchte mein erstes Engagement bereits im Alter von 18 Monaten. Später habe ich Schauspiel unterrichtet, als Schnittmeister gearbeitet, als Produzent, Regie geführt und war Werbefachmann. Soweit ich weiss wird es immer mehr zur Norm nicht ein und denselben Beruf über die Jahre hinweg auszuüben. Laut Statistik satteln manche Menschen bis zu sieben Mal im Laufe ihres Lebens um. Und nirgends auf der Welt ist dies so wahr wie in Los Angeles, es ist der Ort, an den man kommt, um sich neu zu erfinden.
Ein Karriere-Neustart ist definitiv eine Herausforderung, aber auch die Chance, seinen Horizont zu erweitern und seine Weltanschauung neu zu definieren. Jedes Mal, wenn ich einen neuen Aspekt der Filmindustrie erlerne, bin ich mit einer weiteren Lernkurve konfrontiert. Und auch ob all meiner bisherigen Erfahrung, war es das Gleiche mit dem Beruf des Drehbuchschreibers. In den vergangenen vier Jahren habe ich mich hauptberuflich mit dem Handwerk des Drehbuchschreibens beschäftigt. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob ich nicht aufhören sollte, Geschichten zu erzählen und doch lieber einen handfesten Beruf ergreifen sollte. Der “Big Break Preis” hat mir bewusst gemacht, dass Geschichtenerzählen ein handfester Beruf ist.
GW: Was muss man tun, um Drehbuchautor zu werden?
KM: Die Konkurrenz ist atemberaubend. Um ganz oben mit dabei zu sein, kann man nicht nur ein gutes Drehbuch schreiben, man muss ein großartiges Drehbuch schreiben. Zusätzlich muss das Drehbuch auf einer wirklich fesselnden und einzigartigen Idee basieren. Mit über 100 Jahren Filmgeschichte im Rückspiegel, ist es gar nicht so einfach ein Konzept zu entwickeln, das das Publikum noch nicht gesehen hat. Darum wenden sich Studios Franchises zu, die bereits ihr sicheres Stammpublikum mitbringen, so wie Harry Potter oder Spiderman. Je mehr die Studios sich dahinhingehend ausrichten, umso weniger Platz ist für neue originelle Konzepte. Heutzutage ist die große Ausnahme ist das Fernsehen, dafür werden im Moment die besten Originaldrehbücher geschrieben.
Mit so vielen Variablen außerhalb meiner Kontrolle wusste ich, dass ich mich auf etwas konzentrieren musste, das ich kontrollieren konnte. So besuchte ich Klassen und Seminare, ging zu Autorengruppen und las jedes Buch zu diesem Thema, an das ich herankommen konnte. Ich messe die Bücher, die ich dazu las, nicht mehr nach Anzahl sondern nach Fuss, die sie in meinem Regal einnehmen. Ich musste sechs Fuss Bücher lesen, um überhaupt eine Idee vom Schreibprozess zu bekommen. Danach schrieb ich ein gutes Script und konzentrierte mich darauf, es grossartig zu machen.

Kevin Miller with scriptwriting legend Robert Towne
GW: Was ist der Unterschied zwischen einem Drehbuchautor und einem Drehbuchdoktor?
KM: Der Drehbuchautor schreibt die erste Fassung des Drehbuches. Wenn der Autor Glück hat, wird das Buch so verfilmt, und er bekommt die Ehre im Abspann als “Drehbuch von” genannt zu werden. Aber oft weiß man gar nicht wie viele Autoren etwas zu einem fertigen Drehbuch beigetragen haben. Von dem Zeitpunkt, an dem das Drehbuch eine Kaufoption bekommt bis zum Produktionsbeginn kann es in manchen Fällen von bis zu fünfzig verschiedenen Autoren umgeschrieben werden. Denn wenn ein Filmstudio Millionen von US Dollars ausgibt, wollen sie eine Garantie, dass das Buch auch wirklich perfekt ist. Manche Autoren sind so gut darin, ein Script aufzupäppeln, dass sie sich Drehbuchdoktor nennen. Um zurück zur persönlichen Neuerfindung zu kommen, eine der Bekanntesten Drehbuchdoktoren ist Carrie Fisher, die sich als “Star Wars” Prinzessin Leia in unsere Herzen spielte. Robert Towne ist ein weiterer Autor, der so viele Drehbücher behandelt hat, unter anderem eine Schlüsselszene im Klassiker “Der Pate”. Diese Autoren bekommen ein gesalzenes Gehalt, von dem sie jeden Groschen verdienen, da sie in Windeseile und unter enormen Druck, das Werk anderer verbessern.
GW: Wie kann es dann sein, wenn soviele Autoren an einem einzigen Script herumdoktern, dass es den Anschein hat, dass die Filme im schlechter werden? Kann es daran liegen, dass zuviele Köche den Brei verderben?
KM: Es gibt schlechte Bücher, die von einer Person verfasst wurden und geniale, die von zwanzig oder mehr Autoren bearbeitet wurden. Das Drehbuch steht alleine in der Literatur, da es nicht das fertige Kunstprodukt ist, sobald es fertiggestellt ist, sondern es bildet dis Basis um einen Film herzustellen. Hunderte von Künstlern steuern ihr Wissen diesem Prozess bei allen voran der Kameramann, der Schnittmeister, der Komponist, die Kostümbildner, der Regisseur, der SFX Abteilung und die Schauspieler. All deren Arbeit nimmt auf die emotionale Reaktion des Publikums auf das Endprodukt Einfluss. Sie sind alle Autoren des Endprodukts. Mit sovielen Variablen ist es wahrhaftig magisch, wenn ein Film dem Publikum eine zufriedenstellende emotionale Erfahrung bietet. Es sind auch unheimlich hohe Budgets involviert, aber wie man es dreht und wendet ist Film am Ende des Tages eine Kunst und keine exakte Wissenschaft.
GW: Ratschläge an aufstrebende Autoren?
KM: Da ich selbst erst aufstrebend bin, antworte ich mit den Worten eines Meisters, Shane Black (“Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis”, “Last Action Hero”, “Kiss Kiss Bang Bang”). Black sagt, dass man nach Los Angeles kommen muss. Er führt weiter aus, dass es das Zusammenspiel zwischen der Persönlichkeit eines Autors und seiner Arbeit ist, die Studiobosse davon überzeugen muss alles auf ein unbekanntes Talent zu setzen. Aber es reicht nicht aus einfach nur mit ein paar coolen Ideen auzutanzen, die man gerne teilen möchte. Man braucht wenigstens zwei fertige, repräsentable Drehbücher.
Ich habe unglaubliches Glück. Ich habe eine unbeirrbare unterstützende Ehefrau. Und ich bin von Freunden und Kollegen umgeben, die mich alle erfolgreich sehen möchten. Ich brauche diese Umgebung um meine beste Arbeit zu leisten. Dann liegt es an mir, mich auf meinen Hosenboden zu setzen, und jeden einzelnen Tag zu schreiben. Wie jedes andere Handwerk, muss man hunderte Stunden investieren und üben irgendeine Art von Leichtigkeit zu erfahren und das Handwerk zu meistern. Der nächste Schritt ist es seine eigene, einzigartige Stimme, zu finden, um dieses Produkt, das niemand anders hat, zu verkaufen. Zu guter Letzt muss man etwas zu sagen haben, wofür es sich lohnt all die harte Arbeit zu leisten, die notwendig ist um eine gute Idee in eine brillante, unterhaltende Geschichte zu verwandeln.
GW: Es gibt soviele Wettbewerbe, bei welchen sollte man einreichen?
KM: Für Autoren, die außerhalb von Los Angeles leben, sind Wettbewerbe eine großartige Weise um Türen in Hollywood zu öffnen. Größere Wettbewerbe, wie Final Drauf und Creative Screenwriting Magazine, fliegen ihre Gewinner sogar ein, und bezahlen das Hotel für ein paar Tage um Agenten, Manager und Produzenten zu treffen. So ein Wettbewerbsgewinn kann eine großartiges Aushängeschild sein.
Es kann sehr teuer werden an Wettbewerben teilzunehmen, daher ist der Schlüssel den richtigen Wettbewerb für das spezifische Drehbuch zu finden. Weiters sicherzustellen, dass der Wettbewerb im Sinne der momentanen Karriereziele ist. Wenn man konstruktive Kritik möchte, geben einem viele Wettbewerbe Feedback. Wenn das Drehbuch in ein spezifisches Genre fällt wie Horror, ist es sinnvoll nach Wettbewerben zu suchen die ihre Einreichungen in Genres aufteilen. Auch kleine, lokale Wettbewerbe sind sinnvoll, sie bauen das Selbstbewusstsein auf und man knüpft Kontakte. Im Endeffekt man muss Nachforschungen anstellen und das perfekte Festival für sein Script finden.
GW: Was bedeuten Deine österreichischen Wurzeln für Dich?
KM: Mein Urgroßvater väterlicherseits was Weissruße und kämpfte gegen die Rote Arme im russischen Bürgerkrieg. Irgendwann später, wahrscheinlich nach dem hastigen Rückzug flüchtete er nach Österreich wo er meine Urgroßmutter traf und heiratete. Sie zogen in die Vereinigten Staaten, nach New York City. Dort lebten meine Vorfahren bis meine Eltern nach Los Angeles zogen um sich selbst neu zu erfinden. Ich freue mich darüber mir vorstellen zu können, dass ich irgendwo noch langverloren gegangene Familie in Österreich habe. Wenn einer davon sich treffen wollen würde oder Los Angeles besuchen kommen möchte, wäre ich begeistert die Verbindung wieder herzustellen.
GW: Was möchtest Du noch erreichen?
Es besagt, dass viele Autoren gerne geschrieben haben möchten, anstatt zu schreiben. Für mich ist es anders herum. Ich liebe den Prozess, er ist wie ein Kreuzworträtsel zu lösen! Alle Teile müssen richtig zusammenpassen um dem Publikum eine großartiges emotionales Erlebnis zu geben. Wenn ein Drehbuch fertiggestellt ist, kann ich es kaum erwarten mit dem nächsten zu beginnen damit ich weiterschreiben kann. Es ist das beste was ich mir vorstellen kann zu tun und wenn diese Tätigkeit auch noch die Butter aufs Brot für meine Familie gibt, dann schwebe ich im siebten Himmel.
BIO:
Kevin Lee Millers Drehbücher gewannen zahlreiche Preise, zuletzt den “Final Draft Big Break Award” sowie den “Fade In Magazine” und den “Houston International Film Festival Award”. In vergangenen Tagen hat er vierzig Fernsehspezilbeiträge geschnitten, war der Director einer Werbeagentur, hat eine Spielfilmlange Dokumentation über John Lennon produziert und die Entstehung von über sechzig Stunden DVD Bonusmaterial für Peter Jacksons DER HERR DER RINGE überwacht.
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Sehr interessanter Artikel über das Drehbuchschreiben. Hat mich fasziniert…